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Wir - v.l.n.r. Stephan Spycher (Rad), Kurt Johner (Begleiter), Werner Stauffer (Rad), Christian Schlapbach (Rad) und Anton Recher(Begleiter) - starten am frühen Morgen, pünktlich um 07.00 Uhr, in Thun/Gwatt zu unserer grossen Abendteuerfahrt.

Der erste Tag ist ein Angewöhnungstag; es warten zwar knapp 150 km, aber nur gut 1'200 Höhenmeter auf uns. Unser erster Pass wird normalerweise gar nicht als solcher wahrgenommen. Doch immerhin haben wir vom Thunersee bis nach Saanenmöser doch bereits gute 600 Höhenmeter überwunden.

Der nächste Übergang führt uns schon etwas mehr in die Höhe. Auf dem Col du Pillon können wir noch ein Gruppenbild mit Willy Blaser, unserem Velobegleiter des ersten Tages, machen, bevor wir uns in Le Sépey von Willy verabschieden und nur noch zu Dritt nach Aigle hinunterbrausen.

In Aigle haben wir die ersten 100 km hinter uns gelegt und damit auch eine Mittagspause verdient. Doch wer rastet, der rostet. Deshalb brausen wir - der Rückenwind macht uns übermütig - mit über 30 Sachen unserem Etappenziel entgegen.

Wen wundert es da, dass wir bereits um 15.00 Uhr in Thonon-les-Bains ankommen. So haben wir jetzt viel Zeit, um einen schönen Sommerabend am südlichen Ufer des Lac Léman zu geniessen.


Heute geht es erstmals richtig „zur Sache“! Von Thonon-les-Bains bis Flumet erwarten uns 115 km und ca. 2'500 Höhenmeter. Am Morgen starten wir wieder „tout doucement“ und fahren durch das wunderschöne Tal der Drance bis Les Gets (erster Pass, siehe Bild) und von dort „im Schuss“ bis Cluses, wo wir ein erstes Mal Pause machen.

Danach werden wir erstmals gefordert. Der Col de la Colombière (zweiter Pass) führt über ca. 20 km von knapp 500 MüM auf gut 1'600 MüM und weist eine durchschnittliche Steigung von nur 6% auf, doch die letzten acht Kilometer werden – mit Steigungen zwischen 10 bis 12% - zum echten „Pièce de Résistence“. Das Mittagessen auf dem Pass haben wir uns redlich verdient (und es schmeckt auch sehr gut!).

Gut gestärkt sausen wir hinunter nach St. Jean-de-Sixt und nehmen die nächsten 500 Höhenmeter zum Col des Aravis (dritter Pass) in Angriff. Nach der Colombière erscheint uns der Aravis als „kleiner Hügel“ und wir erreichen bereits um 16.30 Uhr unser sonntägliches Etappenziel, nämlich den verschlafenen Skiort Flumet.


Es regnet! Das bedeutet: neuer „Tenuebefehl“. Wir richten uns auf Nässe ein und sorgen mit geeigneter Kleidung dafür, dass wir nicht zu viel Wärme verlieren. Denn heute müssen wir zu unseren Kraftreserven Sorge tragen: Immerhin erwarten uns, auf lediglich gut 100 km, Aufstiege von über 3'000 Höhenmetern.

Trotz diesen trüben Aussichten kommen wir gut vorwärts, die richtige Kleidung ist „die halbe Fahrt“. Der Col de Saisis bietet keine Schwierigkeiten. Anschliessend folgt eine der schönsten Strecken der Tour, der 20 km lange Aufstieg von Beaufort zur knapp 2'000 Meter hohen Cormet de Roselend, wo wir um 13.00 Uhr zwar durchnässt, aber glücklich und zufrieden, ankommen.

Im Anschluss an die Abfahrt nach Bourg-St. Maurice (es ist jetzt schon fast 14.00 Uhr) ist vorerst einmal Mittagessen angesagt. Und jetzt meint es der Himmel wirklich gut mit uns, denn für die Weiterfahrt lacht wieder die Sonne. Zum Glück, denn der jetzt folgende Aufstieg über Séez bis nach Val d’Isère ist eine wenig erbauliche Strecke. Vor allem der starke Verkehr und die Abgase machen uns zu schaffen.

So sind wir froh, abends unser Ziel zu erreichen und mit dem „La Becca“ auch ein gutes Hotel vorzufinden.


Bei noch kühlen Temperaturen, aber schönstem Wetter können wir unsere vierte Etappe starten. Der Anstieg zum 2'770 Meter hohen Col d’ Iseran ist ein einziger Genuss und der Rundblick auf dem Pass fantastisch. 

In rasanter Fahrt stechen wir hinunter ins Tal bis nach St.-Michel-de-Maurienne, wo wir uns eine Mittagspause gönnen. Mehr gibt dieses Dorf auch nicht her. Bei all den schönen Landschaften und Ortschaften, die wir bereits passiert haben, hebt sich dieses St.-Michel negativ ab.

Aber vielleicht ist dies nur ein Vorurteil, ein Ärger, den ich loswerden muss. Denn in St.-Michel war es wieder dermassen warm, dass ich die Leggins (Beinlinge) ausgezogen und ... prompt im Restaurant vergessen habe. Das hat mich dann in Valloire, wo ich mein Missgeschick bemerkt habe, zu einer relativ teuren Neuanschaffung bewogen.

Doch noch sind wir nicht soweit. Nach der Mittagsrast in St.-Michel-de-Maurienne wartet der Col du Telegraph auf uns, den wir aber – gut gesättigt und gestärkt – problemlos bezwingen. Nach einem kurzen Fotostopp auf dem Telegraph und einem weiteren, etwas längeren Shopstopp in Valloire erreichen wir unser Tagesziel, das „Relais du Galibier“, welches etwas ausserhalb Valloire (nämlich in Les Verneys) liegt.


Autsch, jetzt hat es Christian erwischt! Er steht nicht freiwillig dermassen „schief in der Landschaft“, sondern die Hexe hat geschossen. Und nicht genug des Unheils. Der Fotograf schaut in die gute Richtung (mit dem noch schönen Wetter), aber wir Velofahrer sehen hinter dem Rücken des Fotografen dichte Wolken im Anzug. Dabei erwartet uns mit ca. 120 Strecken- und 3'100 Höhenmetern die Königsetappe. Ob das gut geht! Jedenfalls schaut Kurt (Johner, ganz rechts im Bild) eher skeptisch drein.

Schlechtes Wetter im Anzug und Rückenschmerzen? Die beste Erklärung dafür, die nächste Aufgabe, den Col du Galibier, nicht mit dem Rennrad, sondern mit dem Camper zu bezwingen. Aber Christian ist ein harter Bursche. Bewegung ist besser als statisches Sitzen, meint er, und nach einigen Streckübungen schwingt (bzw. – eher – zwingt) sich auch Christian auf den Sattel.

Der Galibier ist zwar nur knapp 2'650 Meter hoch, aber dennoch wesentlich anspruchsvoller als der Iseran. Die Steigungen sind zum Teil deutlich ruppiger. Wir fahren den Galibier ab ca. 2'000 MüM bei schlechtem Wetter (Nieselregen und Graupelschauern) hoch, so dass die Fahrt zu einem echten Härtetest wird. Auf dem Gipfel erwartet uns Nebel (siehe Bild), eine Temperatur von noch ca. 2° Celsius und ... ein warmer, windgeschützter Camper, in dem wir uns trocknen, frisch und vor allem warm anziehen können. Ahhh, tut das gut!

Erstaunlich, wie sich das Wetter in den französischen Alpen innert Kürze verändern kann. Die ersten 600 Höhenmeter unserer Abfahrt frieren wir, trotz übergezogenen Skihandschuhen, noch erbärmlich, aber dann nimmt uns schon wieder die Sonne eine – mit jedem verlorenen Höhenmeter ansteigende – Wärme auf. Unsere (wieder warmen) Beine wirbeln und wir holen unseren Rückstand auf die Marschtabelle, welcher seinen Grund in der langen Umkleidephase findet, bis zu unserer Mittagspause in Briançon wieder auf.

Bei weiterhin wechselhaftem, aber nicht mehr so schlimmem Wetter fahren wir über den Col d’Isoard. Beim Aufstieg überholen wir einen jungen deutschen Radler, der alleine mit seinem Fahrrad unterwegs ist und sein ganzes Wochengepäck im Rucksack mitschleppt (Chapeau!).

Nach Überschreiten der Passhöhe stechen wir in schneller Fahrt nach Guillestre hinunter und kriechen danach, nicht mehr ganz so schnell, die zuerst relativ ruppige und erst in der Höhe etwas abflachende Steigung gegen den Wintersportort Vars-les-Claux hoch. Die Planung hat mit einer Ankunftshöhe von 1'650 MüM gerechnet, geworden sind es dann effektiv 1'850 MüM. Aber auch das schaffen wir, Werner und ich ohne, Christian sogar mit der Hexe.

L’Ecureuil heisst unser Hotel. Ein guter Tipp! Wir haben soeben unsere Räder gewartet und in die Garage gestellt, da fährt der junge deutsche Radler vom Isoard an unserem Hotel vorbei, weiter in Richtung Col de Vars. Ich rufe und winke ihm zu, und nicht lange danach rollt auch Frank Wopker (der deutsche Radfahrer) auch zum Ecureuil an und bucht sich ein Zimmer. Als jetzt internationales Team geniessen zuerst die Zielbiere, danach auch ein gutes Nachtessen und feiern in Frankreich die grenzüberschreitende Verbrüderung von Schweizern und Deutschen.


Puh, ist das kalt! Trotz klarstem Himmel und strahlender Sonne starten wir pünktlich um 08.00 Uhr bei lediglich ca. 5° Celsius. Nach dem „zu langen“ Aufstieg vom Vortag ist die Schlusssteigung zum Col de Vars nur noch ein „Schnäppchen“. Die noch verbleibenden 250 Höhenmeter meistern wir in 30 Minuten.

Danach stellen wir uns leicht schlotternd (die Temperatur ist unterdessen auf 2° Celsius gefallen) erneut unserem Fotografen. Die anschliessende Abfahrt über St. Paul und La Condamine bis Jausier wird zu einer echten Zitterpartie, denn die Temparatur sinkt teilweise bis auf 0° Celsius, um dann allerdings kontinuierlich anzusteigen und in Jausier auch 20° Celsius bereits wieder zu übersteigen. Hier machen wir nochmals Pause, um Kräfte für den grossen Aufstieg zum Col de la Bonette zu sammeln.

Kurz nach 10.00 Uhr starten wir unseren Aufstieg zum höchsten Pass der europäischen Alpenwelt. Ab der Ortschaft Jausier, welche auf 1'220 MüM liegt, steigt die Passstrasse auf einer Strecke von 25 km stetig, aber nicht unangenehm steil an. Die Schwierigkeit dieses Passes ist einerseits die lange Aufstiegstrecke, verbunden mit der grossen Höhendifferenz, und andererseits der letzte Kilometer vor dem Col, welcher durchgehend eine Steigung von 14% aufweist und nur unter Mobilisierung der letzten Kraftreserven bewältigt wird.

Doch was sind all die Strapazen gegen das Hochgefühl, das uns erfüllt, nachdem wir diese „Meisterprüfung“ abgelegt und den Col de la Bonette mit seinen 2'802 MüM erklommen haben! Stolz stellen wir uns vor den Gedenkstein und danken dabei auch unseren beiden unermüdlichen Helfern Toni und Kurt, welche uns erneut bestens betreut und bei unserer Leistung toll unterstützt haben!

Der Col de la Bonette ist landschaftlich karg und lädt nicht zum langen Verweilen ein. Wir starten daher nach ca. 30 Minuten Aufenthalt unsere Abfahrt und erlauben uns dann erst ca. 1'000 Meter tiefer, an der jetzt wieder wärmenden Sonne, eine wohlverdiente Mittagsrast.

Der Rest ist schnell erzählt. Nach dieser Pause stechen wir ins Tal hinunter, wo uns nach St. Etienne-de-Tinnée nochmals ein Aufstieg von 500 Höhenmetern zum Skiort Auron erwartet. Ohlala, was haben wir uns als Aufenthaltsort ausgesucht?! Der Retortenort Auron hat überhaupt keinen Charme, ist leer und ausgestorben und hat offenbar auch keine guten Hotels. Zwar übernachten wir erneut im Hotel Ecureuil, doch nur der Name erinnert uns an den tollen Vorabend in Vars.


Hexenschuss kann etwas Gemeines sein. Noch am Vorabend hat Christian ein Tänzchen aufgeführt und sich über die nachlassenden Schmerzen gefreut. Heute aber ist die Hexe wieder voll eingefahren und hat das Szepter vollständig übernommen. Selbst der tapfere und mit sich harte Christian muss jetzt passen. Zusammen mit Toni und Kurt fährt er uns voraus nach Nizza, um sich sein Knochengestell im Spital wieder richten zu lassen.

So nehmen Werner und ich die Schlussfahrt nach Nizza alleine unter die Räder. Nach den steilen Pässen der letzten Tage ist dieser Tag eine reine „Blustfahrt“. Wir sausen mit einem Stundenmittel von gegen 40 km/h gegen unseren Zielort zu und stehen bereits um 11.00 Uhr, trotz einer halbstündigen Pause, vor dem Ortsschild von Nizza. Klar, dass wir da einen kurzen Halt einschieben.

Danach geht’s weiter ins Stadtinnere. Dort treffen wir auch auf Toni und Kurt sowie ... auf Christian, der uns jetzt wieder mit lockeren Tanzschritten entgegenkommt. Die französischen Ärzte haben offenbar Wunder vollbracht. Gerne schicken wir unsere drei Kameraden voraus nach Beaulieu-sur-Mer, unseren definitiven Zielort. Werner und ich habe noch etwas Anderes vor.

Nein, Fotosujet wollen wir eigentlich nicht werden. Aber ein ganzes „Rudel“ von Japanerinnen und Japaner hat uns Velofahrer in unseren „schmucken“ Schweizer-Velokleidern am Quai des Anglais entdeckt und abgelichtet. Danach aber folgt das, was nach einer derartigen, erfolgreich „bestandenen“ Radtour folgen muss. In einer lauschigen Strandbeiz geniessen wir relaxed und zufrieden unser Zielbier und bestaunen dabei das prächtige Mittelmeer.

Ein grosses Prosit auf unsere Supertour, ein grosses Merci an unsere beiden Helfer Kurt und Toni. Die Route des Grandes Alpes (RdGA) 2007 ist passé, es lebe die RdGA 2008!

Wer sich für die Route des Grandes Alpes interessiert, findet auf www.routedesgrandesalpes.com mehr Detailangaben.